Über die manipulative Kraft von Infografiken

Liebes Internet,

im Rahmen meines Content-Strategie-Studiums nahm ich im zweiten Semester an einem Wahlpflichtkurs teil, der sich mit dem Thema Datenvisualisierung und Infografiken beschäftigte, und zwar auf vergleichsweise akademische Weise (lieb gemeint). Insgesamt war das ganz spannend, auch wenn ich auf die Wiedervorlage des Germanistik-Bachelorstudium-Endgegners hätte verzichten können, einem gewissen Ferdinand de Saussure.

Jedenfalls, der Kurs war insofern interessant, dass er konkret Anwendbares über Mechaniken der visuellen Verarbeitung von Daten im Bereich Journalismus und Unternehmenskommunikation einerseits vermittelte, aber auch über Strategien zur (manipulativen) Bedeutungsstiftung mithilfe von Daten. In nur wenigen Webinaren haben wir brandaktuellen Forschungsinput zu diesen Themen erhalten.

Fallbeispiel: Infografik aus der Unternehmenskommunikation

Die vorliegende Telekom-Infografik soll das Unternehmen als fleißig und fortschrittlich porträtieren. Als Analyse-Framework dienen Konzepte aus der Sozialsemiotik sowie die Metafunktionen nach Kress.

Infografik der Telekom
Quelle

Die Infografik möchte die im Jahr 2017 angestrengten Bemühungen des Unternehmens dokumentieren, die Versorgung mit Breitbandnetz in Deutschland voranzutreiben und setzt dabei primär auf Narrativität und Piktorialität. So wird darin mit einer Reihe von in außergewöhnlich hohen Kennzahlen geäußerten Resultaten verschiedener Teilanstrengungen auf dem Weg zur Vollversorgung mit schnellem Internet der zentrale Topos der Infografik gerahmt: die Baustelle.

Es lässt sich darin ganz deutlich die Anlage einer visuellen Metapher feststellen: Am goldenen Schnitt der Abbildung befindet sich, leicht in Graustufen abgeblendet, die Zeichnung einer Stadt. Es handelt sich um eine durchschnittlich große, wahrscheinlich sogar eher eine kleine Stadt: Kirchturm statt Skyline. Damit wird Bezug genommen auf die noch immer weit verbreitete Unterversorgung mit Breitbandanschlüssen in ländlichen Regionen der BRD. Drumherum ranken sich nun illustrierte Baustellenmotive; Handwerker, Sattelzüge, Kräne, die daran arbeiten, die Stadt mit dem wichtigsten zu versorgen: mit der magentaroten Lebensader des modernen Menschen, dem Glasfaserkabel.

Alle diese Motive verweisen nun auf durch die Telekom erbrachte Leistungen eines Jahres und darüber hinaus. An mehreren Stellen finden sich Ausblicke für das Jahr 2018 – die Geschichte des Breitbandausbaus ist also noch lange nicht zu Ende geschrieben. Die Stapelung der “grauen Kästen” am rechten Bildrand trägt dazu die Anmutung eines Wolkenkratzers; ein Ausblick auf die Zukunft der Stadt dank Telekom-Technologie: Skyline statt Kirchturm.

Erkenntnisse und Reflektion

Die Infografik verzichtet auf vorgebliche Neutralität durch konventionelle Darstellungsmodi zur Veranschaulichung statistischer Daten. Sie versucht nicht, Transparenz und Faktentreue zu vermitteln. Vielmehr setzt sie vollständig auf Quantität: Auf die manipulative Kraft abstrakter, für den Rezipienten schwer greifbarer Zahlen und pseudo-anschaulichen Vergleichen, um von der Schaffenskraft der Telekom zu überzeugen.

Was die Perspektive angeht, würde man beim Film von einer Supertotalen sprechen. Das vermittelt folgenden Eindruck: Die Bemühungen der Telekom sind allgegenwärtig, sie reichen von den Funkmasten über der Stadt in alle Himmelsrichtungen, bis hinab ins erdreich. Das Telekommunikationsunternehmen, es kümmert sich. Es erhebt die Internetversorgung zur zivilisatorischen Notwendigkeit und treibt den Aufbau und Fortschritt voran, so die Botschaft der Infografik.

Die Infografik lässt im Unklaren, welche Konsequenzen die Jahresleistungen des Unternehmens für die Lebensrealität der Menschen hat. Sie versucht, das eigene Wirken als fortschrittlich bzw. futuristisch darzustellen (vgl. Raketen-Illustration), während die Internetversorgung in Deutschland längst von der Gegenwart überholt wurde – im internationalen Vergleich liegt sie nämlich weit unter dem Durchschnitt.

Quellen

  • Helen Kennedy et al.: The work that visualisation conventions do (2016)
  • Kress, Gunther R. (2009). Multimodality: A Social Semiotic Approach to Contemporary Communication. London, New York: Rouledge

Veröffentlicht von

Joscha Kollascheck

Studierender der Content-Strategie @ FH Joanneum in Graz Redakteur / Portalmanager @ sms / code-b in Berlin ...mag Bücher, Kunst und Algorithmen ...schreibt diese Zeilen für sein FH-Joanneum-Webportfolio

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